Interview mit Biggi Mestmäcker

Er ist alles andere als leicht und wurde keineswegs ‚erleichtert‘: der Familiennachzug aus Syrien nach Deutschland. Das Adjektiv dieser politischen Formulierung sei irreführend und lebensfremd, ja nahezu zynisch angesichts der Realität. Biggi Mestmäcker erzählt die Geschichte einer Familie aus Damaskus, die zu ihrer wurde, und bietet uns eine Erkenntnis, die es leicht machen könnte, einander zu verstehen.

Die Mischung aus Klarheit und Einfühlungsvermögen der Autorin berührt mich bereits nach den ersten Sätzen. Ich lerne meine Texttreff-Kollegin bei einer ihrer Lesungen kennen. Gebannt höre ich zu und lese später weiter in ihrem Buch, das zum Perspektivenwechsel aufruft, sowohl in Deutsch als auch in arabischen Schriftzeichen – in ein und demselben Buch. Dass sie es schreiben würde, war nicht geplant, erfahre ich bei unserer Begegnung. Am Ende der Ereignisse sei sie schlichtweg so randvoll mit Emotionen gewesen, dass sie selbst ein Ventil brauchte, um damit klar zu kommen. Und was macht eine Texterin dann? Sie schreibt.

Fakten, die unter die Haut gehen

Ihr Bericht über den ‚Familiennachzug aus Syrien – gegen alle Widerstände‘ geht unter die Haut. Nicht etwa, weil es eine abenteuerliche oder gar sentimentale Story mit Happy End ist. Sondern eine wahre Geschichte, die auf Tatsachen beruht und Fakten liefert, an deren Konsequenzen unzählige Familien zerbrechen. Denn die Geschichte von Elias, seiner Frau Mari und ihrem Sohn Joni wäre niemals gut ausgegangen, hätten die Autorin, ihre Familie und Freunde nicht alles Menschenmögliche dafür getan – gegen alle kaum vorstellbaren Widerstände.

Natürlich verfolge ich das Schicksal geflüchteter Menschen in den Medien. Aber kann ich mir das wirklich vorstellen: Wie Joni von seinem Opa in die Schule gebracht wird und nur 10 Meter von ihnen auf dem Gehweg eine Bombe explodiert? Wie fühlt sich das an, wenn die Angst ins Unermessliche steigt und zum Alltag wird? Weil meine Familie der ‚falschen‘ Religion angehört, in einem Land in dem Bürgerkrieg herrscht. Wie wäre das, wenn mein Mann unsere Familie verließe, um für uns eine neue Heimat zu finden? Nicht etwa, weil er das Schlaraffenland sucht, sondern schlicht und einfach einen sicheren Ort, an dem unser Sohn zur Schule gehen kann, ohne dass wir uns unentwegt sorgen müssen, ob er heil wieder nach Hause kommt? Ehrlich gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen. Ich kann allerdings hören, lesen und mitfühlen.

Erleichterter Familiennachzug – leicht geht da gar nichts!

Wenn ich mein Herz öffne, wird der Schritt kleiner, auf einen Menschen zuzugehen, der vielleicht gerade jetzt in unserem Land Heimat sucht. Diese Botschaft von Biggi Mestmäcker gebe ich gern weiter. Denn wer Elias, Mari und Joni kennenlernt, sei es auch nur durch die Erzählung, bekommt eine Idee davon, wie schmerzlich es ist, wenn die Familie auseinandergerissen wird, ohne zu wissen, ob sie jemals wieder zueinander findet. Und welch ein Kraftakt eine Familienzusammenführung letztendlich ist. Ich selbst fühle mich durch das Buch von Biggi Mestmäcker erneut angestoßen, aufgeklärt und bereichert. Daher trage ich gern dazu bei, ihre Botschaft in die Welt zu tragen und lasse die Autorin zu Wort kommen.

Biggi, wie leicht oder schwer ist es Dir gefallen, das Buch zu schreiben?

Biggi Mestmäcker: Anfangs habe ich nur für mich geschrieben, quasi als Tagebuch. Natürlich habe ich später allen, die mir begegneten, von unseren Erlebnissen erzählt. Vielen blieb vor Staunen der Mund offen stehen und ich hörte mehr als einmal den Satz: Da musst du ein Buch draus machen. Der Gedanke war gut und richtig. Die Welt sollte davon erfahren, was ‚erleichterter Familiennachzug‘ in unserem Land bedeutet. Also schrieb ich das Erlebte aus dem Gedächtnis auf und zog meinen Kalender und vor allem die Chatverläufe bei WhatsApp als chronologische Wegweiser hinzu. Und dann ist mir die Geschichte tatsächlich buchstäblich aus der Feder oder sagen wir besser in die Tasten geflossen.

Noch nie habe ich einen so umfangreichen Text in so kurzer Zeit geschrieben. Ich habe nach Fertigstellung kaum etwas geändert. Hier und da ein bisschen das Storytelling optimiert, ein bisschen mehr ‚Show, don’t tell‘, also versucht, meinen Bericht ein wenig lebendiger zu gestalten. Ich hatte einige versierte Testleserinnen aus meinem Netzwerk ‚Texttreff‘, die mir etliche sehr hilfreiche Hinweise gegeben und mich zu den Änderungen motiviert haben. Aber im Grunde ist der jetzt gedruckte Text so, wie ich es erlebt, gefühlt und dann geschrieben habe.

Gab es zwischendurch Blockaden oder Hürden, die Du überwinden musstest?

Blockaden, wenn man das überhaupt so nennen mag, gab es höchstens an den Stellen, an denen ich sehr persönlich über Elias und Mari geschrieben habe. Hier habe ich öfter innegehalten und noch mal mit den beiden Rücksprache gehalten. Ich wollte ihnen schließlich keine Emotionen und Gedanken andichten, die es möglicherweise gar nicht gab oder die nur ich so empfunden habe. So entstand dann am Ende auch der Gedanke, dass ich unbedingt eine arabische Version von meinem Manuskript brauche. Die Beiden sollten das Buch lesen und frei geben, bevor ich es drucke und veröffentliche.

„Man kann zusammenbringen, was scheinbar nicht zusammenpasst. Sei es auch mit Schwierigkeiten verbunden, müsse man auch Hindernisse überwinden, wenn man will, wenn man zusammenarbeitet, wird es gelingen. Und wenn man ein gutes Team hat.“

Ist dieses Zitat ein Fazit Deines Buches?

Ja, es bezieht sich jedoch weniger auf meine Unterstützung der Familie als auf meine Zusammenarbeit mit ‚meinen‘ Übersetzern. Das war am Schluss wie ein Symbol: Wenn man nur will, geht alles. Welche Hürden wir bei der Übersetzung des Textes nehmen mussten, habe ich auf meinem Blog www.mehralstext.de schon einmal beschrieben.

Es war ein echter Kraftakt, der sehr viel Geduld und Zeit gekostet hat. Aber es war jede Mühe wert. Für mich gilt es auch analog für das gesamte Thema ‚Hilfe zur Integration‘. Ich habe lange nach einem Zitat, einem Spruch oder Satz gesucht, der dies alles zusammenfasst und den ich in die Mitte des Buches symbolisch an die Stelle setzen wollte, an der sich die beiden Sprachen treffen. Ich habe das schließlich in diesem Satz formuliert: „Und seien die kulturellen Unterschiede noch so groß – wo ein Wille ist, findet man zueinander.“

Nach Deiner Lesung wäre ich am liebsten von meinem Stuhl aufgesprungen und hätte gefragt: Was kann ich tun? Ist das ein Effekt, den Du mit Deinem Buch erreichen möchtest?

Anfangs wollte ich einfach nur berichten und zeigen, was ‚erleichterter Familiennachzug‘ wirklich bedeutet und wie schwer Deutschland es den Familien macht. Mittlerweile habe ich mehr als einmal erlebt, dass meine Lesungen sich dazu eignen, Herzen zu öffnen, Perspektiven zu verändern und meine ZuhörerInnen zu motivieren, auf geflüchtete Menschen zuzugehen und ihnen zu helfen, wo sie Hilfe brauchen. Ich will also zweierlei: Auf die Missstände beim Familiennachzug aufmerksam machen, zeigen, was das für die Menschen bedeutet und wie kontraproduktiv das für die Integration ist. Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass Geflüchtete keine exotischen Fremden sind, sondern Menschen wie du und ich. Menschen mit einer Geschichte, Menschen, die alles zurücklassen mussten und jetzt vor der unfassbar schweren Aufgabe stehen, in einer fremden Kultur noch einmal ganz von vorne anfangen zu müssen. Menschen, die ganz einfach unsere Hilfe brauchen.

Wie kann diese Hilfe zur Integration aussehen?

Sie beginnt mit einem freundlichen Lächeln, mit einem „Guten Tag“, wenn man sich auf der Straße begegnet, mit einem „Kann ich helfen?“, wenn man bemerkt, dass jemand im Supermarkt offenbar irgendetwas sucht. Und natürlich ist es mehr als wünschenswert, dass sich Menschen ehrenamtlich in Organisationen engagieren, die geflüchteten Menschen helfen. Es wäre super, wenn jede und jeder Geflüchtete einen Paten oder eine Patin hätte, die oder der sich um ihn oder sie kümmert.

Welcher Impuls war das bei Dir, der ausgelöst hat: Ich will etwas tun!

Ich habe begonnen, mich im Asylkreis Schwalmtal zu engagieren, weil ich helfen wollte, dass unsere Gemeinde bunt und aufgeschlossen bleibt. Es war anfangs eher eine Reaktion auf den zunehmenden Rassismus als der Wille zu helfen. Aber dann sind einfach meine Gefühle mit mir durchgegangen. Elias hat mir einfach unendlich leidgetan. Die Fassungslosigkeit über die deutsche Bürokratie und die schleppende Bearbeitung sämtlicher Vorgänge tat dann ihr Übriges. Vielleicht hatte es unbewusst auch mit dem „empty-nest-Syndrom“ zu tun und ich hab mir nach dem Auszug meiner Töchter eine neue Aufgabe gesucht? In jedem Fall bin ich jetzt in einem Alter, in dem Arbeit und Job nicht mehr alles sind. Ich habe mehr Sinn für mein Tun und mein Leben gesucht. Und gefunden.

Liebe Biggi, herzlichen Dank für das Gespräch.

Alle Infos zum Buch www.umweg-jakarta.de und Bestellmöglichkeit bei tredition.de

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