Poesie: Die Retterin der Langsamkeit

Still wird es
ruhig geht der Atem
die Augen schließen
voller Vertrauen

Angaloppiert kommt sie
die Reiterin
mit wehendem Gewand auf einem weißen Schimmel

Das Pferd
es stoppt abrupt
es bäumt sich auf
die Vorderbeine in der Luft, wiehert es und will nicht weiter

Die Reiterin
nun in der Not
Sie wird ihr Ziel verfehlen
die Zeit im Nacken
drängt sie das Pferd zum Weiterritt

Das Pferd zeigt ihr unmissverständlich
bis hier hin und nicht weiter
Zerrissen zwischen Pflichterfüllung
und der Erkenntnis, dass es Dinge gibt
die sie nicht in der Hand hat

Enttäuscht
Entmutigt
steigt sie ab vom Pferd
Was soll nun aus ihr werden?

Wenn sie jetzt nicht mehr retten kann
nicht mehr in Eile ist
von einem Brand zum Nächsten

Wer ist sie dann
wenn nicht die Retterin schlechthin?

Sie kennt sich selbst doch nur in dieser Rolle

Das Pferd
es grast zufrieden auf der Lichtung
den Nüstern entweicht
gut sichtbar in der kalten Luft
der warme Atem

Jetzt
ist der Moment
Sie spürt die Kälte
nimmt die Natur, die Stille wahr
hebt ihr Gesicht zum Himmel
sieht Schneeflocken sanft herabfallen

Sie schließt die Augen
atmet durch
und als die erste Flocke ihr Gesicht erreicht
fühlt sie wie alles von ihr abfällt
die Mundwinkel verziehen sich zu einem kleinen Lächeln

Die Retterin ist angekommen in der Langsamkeit

Text: © Anna-Pur (eine Improvisation inspiriert vom Ingwer – Zingiber officinalis)  

 

Foto: kishivan / Adobe Stock

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