Evin Ay über die ‚Drei Kameradinnen‘

„Mit deinem Mitbewohner und seiner Freundin, da konnte ich endlich so ehrlich über all den Mist lachen. Ich will das öfter machen, ich will nicht ständig wütend sein, ich will gar nicht ständig allen erklären, was sie schon wieder falsch machen“, schreibt Shida Bazyar in ihrem Roman ‚Drei Kameradinnen‘.

Um Freundschaft geht es – unter anderem: in der Geschichte drei junger Frauen. Hani, Kasih und Saya sind in derselben Siedlung aufgewachsen. Als sie sich nach Jahren wieder treffen, stellen sie gemeinsam fest, wie stark die Prägungen ihrer Herkunft sind. Die Kameradinnen passen aufeinander auf. Mehr können sie nicht tun. Weil Rassismus nuanciert ist. Weil Strategien im Umgang damit verschieden sind. Weil er individuell krank macht. Und manchmal nichts als Schreien auslöst.

Das scheinbar Banale

Es ist ein Roman scheinbarer Banalitäten. Fast passiert nichts Ungewöhnliches. Es entsteht nur ein Gefühl beim Lesen. Gefühle sind nicht greifbar, und wenn etwas nicht greifbar ist, existiert es nicht. Nur Zahlen und Daten und Sichtbarkeiten belegen Existenzen, das wissen auch die drei Kameradinnen. Aber Gefühle sind es, die Saya gegen Wände rennen lassen. Das Nicht-Greifbare legt das Kranke der Figur offen.

Das Buch beschreibt, was wir nicht zu erklären imstande sind. Es missachtet Reihenfolgen, bildet eigene Reihen, denen zu folgen für die Leser*innen anstrengend, aber notwendig ist. „Mit ihrer Reihenfolge wollen Deutschlehrer nur dafür sorgen, dass Leute wie wir unsere Geschichten für uns behalten“, so die Autorin.

Wir haben das Wort

Wir behalten unsere Geschichten aber nicht für uns. Wir haben das Wort, so wie ihr, so wie Saya, Hanni, Kasih. Ich kenne das Gefühl so gut, eine Bühne zu betreten, ohne je eine Bühne zu betreten, weil es nie ohne viel Aufheben passiert, wenn WIR aus diesen Ecken hervorkriechen. Wie die Tiere, für deren Wohl Hani, eine der Protagonistinnen arbeitet, werden auch wir gestreichelt, mal mehr, mal weniger, ehe wir gegessen werden. Diese deutsche Freundlichkeit, nicht zuzutreten, bevor zugebissen wird!

Das Buch ist nicht banal. Es schreit uns an, es lacht über uns, es lacht über euch. Die, die nicht verstehen und wollen, dass wir mit Rechten reden. Wir wollen nicht reden, wir nehmen in Kauf, verdächtig, merkwürdig, hysterisch zu sein. Wir wollen schreien und lassen uns von einem Buch anschreien, denn manchmal sind wir es selbst, die Privilegien und Vorurteile verkennen.

Falls ihr das Buch gelesen habt, schreibt gern Eure Gedanken und Gefühle dazu.

 

*Drei Kameradinnen von Shida Bazyar, Verlag Kiepenheuer & Witsch

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.