Ein Plädoyer für Würde:
Entwicklung bleibt möglich. Auch wenn die Babyzeit längst vorbei ist. Wenn frühe Nähe schwierig war. Wenn Eltern und Kinder sich lange verfehlt haben. Das Nervensystem kann neue Erfahrungen von Sicherheit machen, wenn der therapeutische Rahmen stimmt, wenn Tempo, Würde und Schutz gewahrt bleiben und wenn Erwachsene bereit sind, nicht nur zu erklären, sondern wirklich hinzuschauen, zu spüren, dazubleiben und Verantwortung zu übernehmen. Das ist die zentrale Botschaft, die Sabine Bernd mit ihrem Buch vermitteln möchte.
Grundlagen- und Praxisbuch zur TeBa®-Methode: Ein Plädoyer für Würde
‚Da sein. Spüren. Halten.‘ ist ein Plädoyer für den würdevollen Umgang mit Kindern und Eltern. Ein Weg, der handlungsfähig macht, in Beziehung, im Körper und in sich selbst sicher zu werden. Was sie darunter versteht, erklärt die Therapeutin in unserem Interview.
Sabine, steht der Titel deines neuen Buchst auch für deine persönliche Haltung?
Sabine Berndt: Ja, meine persönliche Haltung lässt sich auch in diesen drei Worten zusammenfassen. Da sein bedeutet: Ich bleibe innerlich anwesend, auch wenn es schwierig wird. Spüren bedeutet: Ich nehme wahr, was unter dem Verhalten liegt im Kind, in den Eltern, im Körper, im Nervensystem und im Beziehungsgeschehen. Halten bedeutet: Ich gebe Sicherheit, Schutz, Orientierung und einen Rahmen, in dem Entwicklung möglich wird.
Das wären ideale Voraussetzungen, die nicht immer gegeben sind. Du betonst allerdings, dass es dir nicht um Schuldzuweisung geht.
Genau. Eltern brauchen keine Schuldzuweisungen, sondern Verständnis, fachliche Klarheit und Wege, die sie wieder handlungsfähig machen. Kinder brauchen Erwachsene, die sie nicht auf ihr Verhalten reduzieren, sondern ihre innere Not erkennen und ihnen helfen, in Beziehung, im Körper und in sich selbst sicherer zu werden. Mir geht es darum, verständlich zu machen, dass Bindung kein abstraktes Konzept ist.
Wen möchtest du mit deinem Buch erreichen?
Es ist ein Buch für Eltern, Fachpersonen und alle Menschen, die tiefer verstehen möchten, wie prägend frühe Beziehungserfahrungen sein können. Es richtet sich an Eltern, deren Kind schwer zur Ruhe kommt, Nähe sucht und gleichzeitig abwehrt, Blickkontakt vermeidet, schnell in Wut, Rückzug, Kontrolle oder Erstarrung gerät oder in alltäglichen Situationen stärker reagiert, als es von außen erklärbar erscheint. Ich möchte verständlich machen, wie frühe Beziehungserfahrungen das spätere Erleben, Verhalten und die Fähigkeit zur Selbstregulation prägen können, und zeigen, dass es Wege gibt, Beziehung auch dort wieder möglich zu machen, wo sie früh belastet wurde.
Zugleich ist es ein Fachbuch für Therapeutinnen und Therapeuten, Pädagoginnen und Pädagogen, Hebammen, Ärztinnen und Ärzte, Heilpädagoginnen, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Physiotherapeutinnen und alle, die mit Kindern, Familien und Beziehungssystemen arbeiten.
Du sagst, dass Verletzungen aus den Beziehungen zu unseren Eltern Spuren in unserem Nervensystem hinterlassen, die sich auch in unserer Körperhaltung und unserem Verhalten spiegeln. Auf welchen Erfahrungen beruhen deine Erkenntnisse?
Seit vielen Jahren arbeite ich therapeutisch mit Säuglingen, Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien. Mein beruflicher Hintergrund verbindet Ergotherapie, systemische Familientherapie, Verhaltenstherapie, sensorische Integration, bindungsorientierte Körperarbeit, traumainformiertes Verstehen und videobasierte Interaktionsanalyse.
Ich verstehe Verhalten als Ausdruck eines inneren Zustandes. Ein Kind, das schreit, ausweicht, kontrolliert, erstarrt, kämpft, flüchtet, sich verweigert oder kaum in Kontakt kommt, zeigt häufig nicht einfach mangelnde Kooperationsbereitschaft. Es zeigt ein Nervensystem, das in Überforderung geraten ist, das Schutzstrategien entwickelt hat oder das noch nicht ausreichend Sicherheit in sich, im Körper und in Beziehung erfahren konnte.
Als Wege zu einem anderen Verständnis für Bindung und Beziehung hast du die Methoden LOVT® und TeBa® entwickelt, bei beiden geht es um lösungsorientiertes Verhaltenstraining. In deinem neuen Buch geht es vor allem um die Grundlagen zur TeBa®-Methode. Was genau bedeutet das?
TeBa® bedeutet Therapie zum elementaren Bindungsaufbau. Es ist ein körper-, bindungs- und beziehungsorientierter therapeutischer Ansatz, der dort ansetzt, wo frühe Sicherheit nicht ausreichend erlebt, unterbrochen oder belastet wurde. Die Grundannahme ist: Frühe Erfahrungen werden nicht nur kognitiv gespeichert. Sie prägen das autonome Nervensystem, die Körperhaltung, den Muskeltonus, die Atmung, die Nähe-Distanz-Regulation, den Blickkontakt, das Beruhigungsverhalten und die Fähigkeit, sich in Beziehung sicher zu fühlen. TeBa® arbeitet deshalb nicht allein über Sprache. Viele frühe Verletzungen sind vorsprachlich entstanden.
In der TeBa®-Arbeit geht es um neue, körperlich erfahrbare Beziehungserfahrungen: Ein Kind kann erleben, dass es gehalten und gesehen wird, dass es mit seiner inneren Not nicht allein bleibt und sich mit seinen körperlichen, emotionalen und beziehungsbezogenen Signalen zeigen darf. Begrenzung wird dabei nicht als Ablehnung erfahren, sondern als sicherer, regulierender Rahmen. Nähe kann wieder als verlässlich, schützend und ordnend erlebt werden. Halt bedeutet in diesem Verständnis nicht Gewalt oder Kontrolle, sondern Schutz, Co-Regulation und elementare Beziehungssicherheit.
Du betonst ausdrücklich, dass TeBa® keine Festhaltmethode ist, warum ist das wichtig?
Weil es nichts mit Zwang oder Überwältigung zu tun hat. Entscheidend sind therapeutische Feinfühligkeit, Würde, genaue Beobachtung, Tempo, Regulation und Sicherheit. Der Körper wird nicht benutzt, sondern als Träger von Beziehungserfahrung verstanden.
Im LOVT®-Kontext wird TeBa® ergänzt durch Klarheit, Struktur, Eigensteuerung und verhaltenstherapeutische Entwicklungsimpulse. Denn Bindung allein genügt nicht immer. Kinder brauchen sowohl Halt als auch Orientierung. Sie brauchen Erwachsene, die liebevoll bleiben und dennoch führen können.
Dein Blick richtet sich insbesondere auch auf autistische Kinder und Kinder mit Trisomie 21. Warum ist er für sie so hilfreich?
Ich habe über viele Jahre Kinder erlebt, deren Verhalten mit den üblichen Beschreibungen nicht ausreichend verstanden wurde. Kinder, die als schwierig, oppositionell, unruhig, nicht erreichbar oder auffällig beschrieben wurden, obwohl ihr Verhalten bei genauerem Hinsehen eine innere Not, eine hohe autonome Aktivierung oder eine frühe Beziehungserfahrung ausdrückte. Das betraf insbesondere Kinder mit geistiger Entwicklungsverzögerung oder komplexen Wahrnehmungs- und Regulationsbesonderheiten. Gerade diese Kinder werden im Alltag oft überfordert, weil ihre Signale nicht fein genug gelesen werden. Sie brauchen nicht weniger Beziehung, sondern eine besonders klare, sichere, körperlich und emotional abgestimmte Beziehung. Sie brauchen Erwachsene, die verstehen, dass Entwicklung nicht über Druck entsteht, sondern über Sicherheit, Wiederholung, Beziehung, Orientierung und eine gut dosierte Anforderung.
Welche Erfahrungen haben dich besonders geprägt?
Besonders bewegt haben mich Kinder, die Nähe eigentlich dringend brauchten, sie aber nicht gut annehmen konnten. Kinder, die sich körperlich entzogen, Blickkontakt vermieden, bei Berührung in Abwehr gingen, schnell in Wut oder Erstarrung gerieten oder sich nur über Kontrolle sicher fühlten. Ebenso habe ich Eltern erlebt, die erschöpft, verunsichert und oft voller Schuldgefühle waren, obwohl sie ihr Kind liebten und alles versucht hatten.
In vielen dieser Familien gab es frühe Belastungen: schwierige Schwangerschaften, traumatische Geburten, medizinische Eingriffe, Trennungen nach der Geburt, Anpassungsschwierigkeiten, Fütterstörungen, Regulationsstörungen oder Eltern, die selbst in dieser frühen Zeit überfordert, allein oder innerlich erschüttert waren. Ich wollte einen therapeutischen Weg entwickeln, der diese frühen Spuren ernst nimmt, ohne Eltern zu pathologisieren oder ihnen Schuld zu geben.
Das klingt nach einer echten Vision. Siehst du das auch so?
Ja, für mich steht hinter diesem Buch tatsächlich eine Vision. Ich möchte dazu beitragen, dass wir Verhalten wieder tiefer verstehen. In Familien, in Therapie, in Pädagogik und in der Gesellschaft wird Verhalten oft sehr schnell bewertet. Ein Kind ist dann schwierig, auffällig, verweigernd, aggressiv, unkooperativ oder nicht belastbar. Was dabei häufig verloren geht, ist die Frage: Was erzählt dieses Verhalten? Welche innere Not, welche Schutzstrategie, welche Überforderung oder welche frühe Erfahrung zeigt sich darin?

Gleichzeitig ist mir wichtig, Bindung nicht mit Grenzenlosigkeit zu verwechseln. Sichere Bindung bedeutet nicht, dass Erwachsene alles zulassen oder Konflikte vermeiden. Kinder brauchen Erwachsene, die emotional erreichbar sind, aber auch führen können. Sie brauchen Schutz, Orientierung, klare Signale, verlässliche Grenzen und Erwachsene, die auch in schwierigen Situationen nicht aus der Beziehung gehen.
Weitere Informationen zu Sabine Berndt und dem Da sein. Spüren. Halten.
Fotos: Neufeld-Verlag, Sabine Berndt, Unsplash_ika ika
