Selbsterfahrung im Gehen:
Auf das Pilgern ist Autorin Dagmar Höner, wie so viele, durch Hape Kerkeling gekommen. Sein Buch weckte ihre Sehnsucht nach diesen abenteuerlichen Wanderungen, skurrilen Menschen und überraschenden Erlebnissen, die scheinbar überall auf dem Weg warteten. Das wollte sie erleben. Sie ging los, ist immer noch neugierig unterwegs und schreibt über weniger populäre Pilgerwege, die, wie sie sagt, jeden Meter wert sind, gelaufen zu werden.
Dagmar, wolltest du von Anfang an über deine Pilgererfahrungen schreiben?
Nein, das war nicht der Plan. Als ich dann mal losgestürmt war, ging es mir wie vielen Pilgern, die ich kenne: Man läuft los und macht diese Fußreise. Und kommt nach einiger Zeit zurück und ist voller Erlebnisse, Anekdoten und Erfahrungen, die man irgendwie teilen möchte. Aber wenn sich im Umfeld zuhause nicht gerade viele andere Pilger tummeln, fühlt man sich oft unverstanden und nicht gesehen.

Man möchte doch so gerne seine Erlebnisse weitergeben. Weil diese im Nachgang so bedeutsam, so besonders, so verblüffend und so außergewöhnlich erscheinen. Aber Familie und Freunde winken nur ab, die können mit diesen Erzählungen nichts anfangen. So habe ich denn meine Erlebnisse in Worte gegossen. Einfach damit sie nicht verloren gehen und vielleicht den einen oder anderen dazu inspirieren, selbst einmal loszugehen und die Pilgerwelt zu erkunden.
Du hast dann zunächst mit einem Blog gestartet.
Ja, gerade, als ich in Spanien auf dem Küstenweg unterwegs war, fand ich es eine gute Idee, meine Lieben daheim zeitnah daran teilhaben zu lassen, was mir so widerfuhr. Dass ich dann angefangen habe, Bücher über das Pilgern zu schreiben, war ein glücklicher Zufall. Auf einer Buchmesse habe ich einem Verlag angeboten, für ihre Reihe: 111 Gründe … (bei der es da-rum geht, warum man bestimmte Freizeitaktivitäten, Länder oder sonstwas liebt) einen Titel über das Pilgern zu schreiben. Damit bin ich sofort auf offene Ohren gestoßen. Auch meine Textprobe konnte sie überzeugen. So bin ich dann bei einem Rundumschlag, einer wahren Liebeserklärung für das Pilgern gelandet.
Bei dieser einen Liebeserklärung ist es nicht geblieben; du hast ein weiteres Buch geschrieben.
Das zweite Buch habe ich dann aus innerer Überzeugung geschrieben. Ich wollte den Leuten mit Berichten über Pilgern in der Heimat Mut machen, selbst loszuziehen und zu schauen, was sie hier an Pilgerabenteuern erleben können, ohne nach Spanien reisen zu müssen. Und das ist auch weiterhin meine Mission. Wenn ich noch mal was zu dem Thema veröffentliche, dann mit dem Wunsch, Menschen neugierig zu machen und sich auf das Mikroabenteuer Pilgern vor der Haustür einzulassen.

Hast du eine Pilgergeschichte, die eine Idee davon vermittelt, wie du unterwegs bist?
Eine Pilgertour direkt vor meiner Haustür hat mir vor ein paar Jahren gezeigt, welche Überraschungen selbst vertraut geglaubte Orte bereithalten. Für eine Reportage bin ich noch mal Teile des Jakobswegs Minden-Soest gelaufen; der Weg, mit dem alles angefangen hat. Dieses Mal habe ich in der Jakobuskirche in Herford übernachtet, was nur 10 Kilometer von meinem Heimatort entfernt liegt.
Du hast dann tatsächlich in der Kirche übernachtet?
Ja. Das Kuriose an der Geschichte war, dass ich die Jakobuskirche in Herford natürlich kenne; schon vor Jahren habe ich sie besucht, weil es hier auch Pilgerrelikte gibt. Aber noch nie hatte ich mit Isomatte und Schlafsack im Kirchgang genächtigt. Als Herrin über die Lichtanlage der Kirche sowie die Steuerung für die Glocken. Das war echt witzig. Ich habe in mich reingegrinst bei dem Gedanken, ich könnte, wenn ich wollte, spätabends die Bürger der Stadt Herford mit einem Hochzeitsgeläut der Jakobuskirche aus den Betten holen. Eine irre Vorstellung! Aber anscheinend hatte die Küsterin da keine Befürchtungen. Sonst hätte sie mich wohl nicht mit der ganzen Anlage allein gelassen.
Von dort aus ging es weiter nach Bielefeld, richtig?
Genau, auf Wegen, die ich noch nie gegangen war. Durch Wiesen und Felder, über lauschige Grünzüge, zu Fuß durch die Stadt. Kurz: eine Strecke, die man normalerweise nicht nimmt, um auf schnellstem Wege in die Oetker-Stadt zu gelangen. Das I-Tüpfelchen: Als ich in Bielefeld ankam, durfte ich im Gästetrakt des Jodokus-Klosters übernachten. Ein Kloster mitten in der Altstadt, wo man Übernachtungsplätze für Gäste der Kirchengemeinde bereithält, aber auch für Menschen, die einfach nur mal eine Auszeit brauchen. Und für Pilger! Ich war wieder mal tief beeindruckt, dass mich niemand fragte, woher, wohin und warum. Sondern dass sie am Telefon ohne Wenn und Aber sagten: „Klar können Sie kommen! Das sind so die Momente, wo ich dann doch irgendwie an das Gute glaube, mich behütet und beschützt fühle.“
Wie schön, dass du in deinen Büchern solche Erfahrungen teilen kannst.
Diese Erfahrung kann jede/r machen. Darum möchte ich nicht nur diejenigen ansprechen, die sich besonders mutig oder fit fühlen, die religiös motiviert sind oder spirituell interessiert. Jeder und jede, die das Pilgern ausprobieren möchte, sollte das einfach tun. Indem sie oder er schaut, wo der nächste Pilgerweg liegt und dann einfach losgeht. Und schaut, was passiert. Und, nein, es muss nicht mit der Mega-Ausrüstung sein, und auch übernachten muss man nicht unbedingt. Brauchbare Wanderschuhe, die Möglichkeit, sich zu orientieren (per Karte oder Navi) und vor allen Dingen Neugier – das reicht. Und es müssen auch nicht 30 Kilometer sein oder viele Kirchen oder ein großer Weg. Erst mal geht es nur um die Erfahrung des Gehens. Darum herauszufinden, was das mit einem macht, achtsam zu gehen. Die Welt um sich herum vielleicht ein bisschen anders wahrzunehmen als sonst.

Welches deiner Bücher würdest du vorschlagen, um sich mit dem Thema Pilgern vertraut zu machen?
Um sich mit dem Thema Pilgern vertraut zu machen, bieten sich ganz klar die „111 Gründe, pilgern zu gehen“ an. Da wird das Pilgern von allen Seiten beleuchtet; keine Facette bleibt unerwähnt. Wenn ich damit überzeugen kann, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, nicht loszugehen.
Möchte man hinter die kleinen Geheimnisse des Pilgerns kommen, das, was vielleicht hier in Deutschland auf einen wartet, wenn man sich auf den Weg macht, dann würde ich „Pilgern zwischen Rhein und Weser“ empfehlen. Denn Pilgern in Deutschland ist anders als auf den Caminos in Spanien, Frankreich und Portugal. Mehr Innenschau als Schaulaufen im Außen, mehr Erforschen des Eigenen als Auseinandersetzung mit dem Fremden, mehr sich selbst kennenlernen als anderen begegnen. Das ist nicht besser oder schlechter als auf den großen, international frequentierten Wegen in Spanien zu laufen, aber eine andere Art von Selbsterfahrung eben.
Nun schreibst du nicht nur Pilgern. Was schreibst du sonst noch? Und was bedeutet das Schreiben in deinem Leben?
Das Schreiben war für mich immer schon eine ganz besondere Ausdrucksform, denn hier kommen für mich Inspiration, Kreativität und Handwerk zusammen. Ich freue mich sehr, wenn mir eine Formulierung gelingt und ich genau das zum Ausdruck bringen kann, was ich sagen will. Und zudem noch die Leserinnen und Leser mitnehmen in meine Gedankenwelt und gut unterhalten. Wenn die Leute dann noch den Text mit einem Lächeln aus der Hand legen bzw. gerne wieder hervorholen, um weiterzulesen, habe ich eigentlich alles richtig gemacht.
Wie bist du zum Schreiben gekommen?
Mein Faible für Sprache bzw. Sprachen hat mich zum Schreiben geführt. Nachdem ich als Übersetzerin und Journalistin gearbeitet hatte, wollte ich irgendwann über eigene Themen schreiben, über das, was mich wirklich bewegt und was mir am Herzen liegt. Das war damals, als meine Zwillinge noch klein waren, das Thema Kinder. Ich wollte Kinderbuchautorin werden, habe Bilderbücher konzipiert wie wild. Aber leider konnte ich damit außer einer Auftragsarbeit nicht landen. Nicht originell genug, lautete die Rückmeldung der Verlage.
Du bist dennoch drangeblieben!
Ich folgte meiner Neugier für neue Orte, Menschen und Settings und begann mit der Reiseliteratur. Und stellte fest, dass auch dies mich erfüllte, denn eigentlich geht es mir darum, mit dem Schreiben eine Botschaft zu vermitteln: Bei Kinderbüchern besagt die ja zum Beispiel, dass man zusammen stark ist, dass es sich lohnt, mutig zu sein, dass jede/r ok ist, etc. … Mit meinen Reisebüchern wollte ich immer vermitteln, wie sehr es doch lohnt, sich umzuschauen, die Umgebung zu erkunden und dabei Spannendes zu entdecken; nicht zuletzt sich selbst.
Buchtipp: Pilgern zwischen Rhein und Weser
Auf diesen Pilgerwegen erlebte die Autorin einen Pilgersommer voller Überraschungen, interessante Begegnungen und spannende Geschichten, durch die sie ihre Heimat ganz neu kennen und lieben lernte. Ihr Buch ist ein Plädoyer für eine ungewöhnliche Entdeckungsreise, die neue Perspektiven auf Altbekanntes wirft, staunen lässt und begeistert, überrascht und Ehrfurcht weckt. Link zum Buch: Auf heimischen Wegen – Reisebuch Verlag |
Fotos: Reimar Ott, Dagmar Höner;
Zum Headerbild: Finisterre – angekommen am Ende der Welt



„Pilgern in Nordrhein-Westfalen – das klingt nicht gerade aufregend. Und doch waren die elf Pilgerpfade im Teutoburger Wald und im Wiehengebirge, im Sauer- und Siegerland, im Ruhrgebiet und im Bergischen, im Rhein- und im Münsterland Land, jeden Meter wert, gelaufen zu werden“, sagt Dagmar Höner.