Interview mit Mareike Neumayer:
Sprache wirkt und verbindet! Um mit ‚Leichter Sprache‘ Barrieren zu überwinden, hat sich Mareike Neumayer darauf spezialisiert. Damit, wie sie selbst sagt: Inklusion keine Illusion bleibt! Dass sich die Leichte Sprache in allen Lebensbereichen durchsetzt, ist noch eine Vision. Sie wird jedoch durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gefordert und gefördert. Und es ist auch Mareikes Anliegen: alle Menschen in die gesellschaftliche und politische Kommunikation einzubeziehen.
Mareike, erfolgreiche Kommunikation ist kein Monolog. Sie ist ein Dialog, der alle einschließt. Das ist dein Credo, richtig?
Mareike Neumayer: Ja, es ist unglaublich, wie viele Informationen wir jeden Tag lesen, wie viele Wörter und Sätze wir aufnehmen und darauf basierend handeln, entscheiden und denken: ob die Zeitung am Morgen, der geänderte Busfahrplan, Unmengen an E-Mails, die neue Unternehmensbroschüre und das noch dringend auszufüllende amtliche Formular.

Mareike Neumayer _ Redakteurin und Expertin für Leichte Sprache
In Deutschland haben viele Erwachsene Probleme mit Lesen und Schreiben. Eine Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2018 zeigt: Rund 6,2 Millionen Menschen können nur eingeschränkt lesen und schreiben. Etwa 10,6 Millionen haben Schwierigkeiten mit längeren oder komplizierten Texten. Viele haben deshalb Probleme, zum Beispiel Briefe von Ämtern zu verstehen oder wichtige Informationen im Alltag zu nutzen.
Und Leichte Sprache könnte hier Barrieren abbauen?
Ja. Wenn wir über Barrierefreiheit reden, denken viele Menschen immer noch zuerst an die Rampe für den Rollstuhlfahrer, um Zugang zu Gebäuden zu haben. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist ein barrierefreier Zugang zu Informationen wichtig; unsere alltagssprachlichen Texte stellen jedoch für diesen Teil unserer Gesellschaft eine oft unüberwindbare Hürde dar. Die Lesefähigkeit dieser Menschen ist zwar sehr unterschiedlich; sie alle dürften jedoch den Wunsch haben, dabei zu sein, mitreden zu können, ihren Wissensdurst zu stillen oder Geschichten zu genießen.
Häufig sind dies Menschen mit Lernschwierigkeiten, Gehörlosigkeit oder mit kognitiven Einschränkungen. Es betrifft auch Personen mit beginnender Demenz oder noch nicht ausreichenden Deutschkenntnissen. Leichte Sprache kann diesen Menschen Zugang zu Informationen ermöglichen.
Was bedeutet Leichte Sprache genau?
Die Leichte Sprache basiert auf dem Engagement des Netzwerks People First Deutschland. Sie ist ein festes Regelwerkt mit erprobten Kriterien, die helfen, dass so viele Menschen wie möglich einen Leichte Sprache-Text lesen und verstehen können. Texte in Leichter Sprache zeichnen sich dadurch aus, dass sie
• kurze Wörter und Sätze verwenden,
• Fremdwörter vermeiden oder erklären,
• keinen Genitiv und keinen Konjunktiv nutzen
• und lange, zusammengesetzte Wörter mit Bindestrich oder Mittelpunkt trennen.
Die textliche Umsetzung ist alles andere als leicht – eher eine echte Herausforderung, für die es einer guten Ausbildung und Erfahrung bedarf. Als ich anfing, mit Leichter Sprache zu arbeiten, war ich erstaunt, wie schwer das Leichte sein kann – trotz meiner jahrelangen professionellen Erfahrung als Redakteurin und in der Kommunikation in ‚Alltagssprache‘.
Wer prüft denn, ob Leichte Sprache funktioniert?
Um schlussendlich zu gewährleisten, dass Texte und Informationen im Sinne der Leichten Sprache tatsächlich verständlich sind, sollte jede Übersetzung von Menschen aus der Zielgruppe geprüft sein – ein Konzept, das die Leichte Sprache absolut praxistauglich macht.
Dafür gibt es Prüfleser:innen, Menschen aus der Zielgruppe, die unter Anleitung dann Leichte Sprache-Übersetzungen auf Verständlichkeit testen.
In meiner Ausbildung zur Übersetzerin für Leichte Sprache habe ich zum ersten Mal mit ihnen gearbeitet und war beeindruckt. Es sind Menschen, die genau wissen, was und welche Wörter verstanden werden. Und sie stellen genau die richtigen Fragen, solange, bis mein Text für sie und damit für hoffentlich möglichst viele Menschen wirklich verständlich ist.
Eine häufig genutzte Möglichkeit, um Sprachbarrieren zu überwinden, ist die
Einfache Sprache – was ist der Unterschied?
Auch die Einfache Sprache ist ein Hilfsmittel auf dem Weg zu einer barrierefreien Kommunikation. Während Leichte Sprache auch eine sehr geringe Lesekompetenz bedient, ist die Einfache Sprache vom Schwierigkeitsgrad etwas darüber angesiedelt. Sie richtet sich an Menschen, die zwar lesen können, aber mit komplexen Texten Probleme haben. Für die Einfache Sprache gibt es im Gegensatz zur Leichten Sprache kein festes Regelwerk, sondern nur Empfehlungen. Ein gewisser Alltagswortschatz wird vorausgesetzt.
In einigen behördlichen Bereichen ist Leichte Sprache bereits Pflicht, richtig?
Ja, Behörden sind heute stärker verpflichtet, verständlich zu kommunizieren – auch in Leichter Sprache. Grundlage ist das Behindertengleichstellungsgesetz. Allerdings bedeutet das nicht, dass alle Bescheide automatisch in Leichter Sprache verschickt werden. Behörden müssen vor allem allgemeine Informationen barrierefrei bereitstellen, zum Beispiel auf ihren Webseiten. Für individuelle Schreiben gilt in der Regel: Leichte Sprache wird auf Nachfrage angeboten.
Apropos Webseiten: Seit Juni 2025 müssen viele Webseiten barrierefrei sein, also so gestaltet, dass sie auch von Menschen mit Behinderungen oder Verständnisschwierigkeiten genutzt werden können. Das betrifft vor allem öffentliche Stellen wie Behörden, aber auch viele private Anbieter, die Dienstleistungen oder Produkte anbieten. Barrierefreiheit heißt unter anderem, dass Inhalte klar strukturiert, gut lesbar und verständlich sind. Hier kann Leichte Sprache eine wichtige Rolle spielen, weil sie Informationen direkt zugänglich macht und so mehr Menschen die Webseite wirklich verstehen.
Wie steht es mit Medien in Leichter Sprache?
Es gibt inzwischen mehrere Medien, die Nachrichten oder Inhalte für möglichst viele Menschen verständlich machen. Der Deutschlandfunk bietet zum Beispiel wöchentlich Nachrichten in einfacher Sprache an, ebenso die Tagesschau in einfacher Sprache. Auch leichte Unterhaltung über Stars und Prominente findet man, zum Beispiel auf der Webseite einfachstars.info. Dabei ist wichtig zu wissen: Die meisten journalistischen Angebote sind in Einfacher Sprache, während Leichte Sprache einem strengeren Regelwerk folgt und noch stärker vereinfacht ist.
Es gibt heute immer mehr Medien, die Nachrichten und Informationen für möglichst viele Menschen verständlich machen. So bietet der Deutschlandfunk wöchentlich Nachrichten in einfacher Sprache an, und auch die Tagesschau gibt es seit einiger Zeit täglich in einfacher Sprache im Fernsehen und online – beides hilft Menschen, die sonst schwierige Texte nicht so gut verstehen würden.
Auch im Unterhaltungsbereich gibt es Angebote in vereinfachter Sprache: Auf der Seite einfachstars.info erscheinen regelmäßig Beiträge über Prominente und Popkultur in einfach verständlicher Sprache.
Daneben wächst das Angebot von Verlagen, die Bücher, Zeitungen und Zeitschriften in Einfacher und Leichter Sprache veröffentlichen. Der Spaß am Lesen Verlag zum Beispiel publiziert seit Jahren Literatur und Presse für Menschen mit Leseschwierigkeiten.
Respekt! Ein Beispieltext in Leichter Sprache
Respekt bedeutet:
· freundlich sein
· ehrlich sein
· höflich sein
Respekt bedeutet auch:
· Es gibt Regeln.
· Die Menschen sollen sich an Regeln halten.
· Menschen können dann leichter zusammenleben.
Alle Menschen wollen Respekt bekommen.
Wie zeigen Menschen Respekt?
Die Menschen finden Unterschiede in Ordnung.
Das heißt:
· Jeder Mensch ist anders.
· Jeder hat eine andere Meinung und andere Wünsche.
· Menschen verstehen die anderen.
Die Menschen beachten andere Menschen.
Das heißt:
· Sie hören gut zu.
· Sie antworten auf Fragen.
· Sie lassen andere ausreden.
Die Menschen sind zuverlässig.
Das heißt:
· Ein Mensch verspricht etwas.
· Er muss es dann auch tun.
Die Menschen achten auf Gefühle.
Das heißt:
· Sie behandeln andere Menschen gut.
· Sie sind freundlich zu anderen Menschen.
· Sie reden gut über andere Menschen.
Fotos: Conny Wenk; Jana Stein
Illustration für Leichte Sprache: Lebenshilfe Bremen


