Joachim ist Marias Vater _ Weihnachtskrimi von Gitta Wittschier

Georg gähnte unverdrossen. Kein Wunder, dachte Simone. Langeweile schien aus jeder künstlichen Tannennadel des Adventsgesteckes zu blicken, ein Sinnbild für diese Zusammenkunft. Die Plätzchen von der Lehmann sahen nicht nur aus wie Pappe, sie schmeckten auch sehr neutral. Und durch den Kaffee hätte man lesen können. 

Von wegen köstliche Speisen vom Thailänder wie im vergangenen Jahr. Sparmaßnahmen. Und die Weihnachtsfeier das reinste Dilemma. Gespräche, die immer wieder stockten. Zu allem Überfluss diese Witze von Huber, der nach jeder vermeintlichen Pointe als einziger dröhnend lachte.

„Komm, wir verkrümeln uns“. Georg fasste Simone am Arm. „Mein Bruder ist plötzlich bei mir aufgetaucht. Vielleicht gehen wird zu dritt essen“. „Ich bin Joachim“. Dunkle, blitzende Augen, ein mitreißendes Lachen. Simone hatte es einfach nur umgehauen. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch schienen sich wie rasend zu vermehren. „Oh, solch ein schöner altdeutscher Name“. „Nein, biblisch. Joachim war der Vater von Maria“. „Ach ja, bald kommt das Christkind auf die Welt“. Georgs spöttischer Unterton drängte sich zwischen die beiden, die ihre Blicke kaum voneinander abwenden konnten. „Ja, ich weiß, du hältst nicht viel von den Dingen rund um Weihnachten. Aber jetzt los zum Thailänder. Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen“. Simone harkte sich bei den Männern ein.

„Hallo schöne Mohnblume“. Joachim, einen Strauß der zartblättrigen roten Blumen in der Hand, nahm eine Blüte, kitzelte damit Simones Nase. Sie genoss den Kosenamen, die Ferien am Meer, die Sonne, in der sie sich aalte und vor allem das Zusammensein mit ihm. Ungefähr sechs Monate war es jetzt her, dass der Blitz in ihr Herz gefahren war. Und der Urlaub war die bisherige Krönung. Schade nur, dass diese ungestörte Zeit bald ihrem Ende entgegenging. Georg kehrte in einer Woche von seiner Dienstreise zurück. Für Joachim war klar, ihn glauben zu lassen, das Haus sei gut gehütet. Das frühere Elternhaus der Brüder, in dem Georg lebte, mit diesem unaufgeräumten Keller, seit ewigen Zeiten im gleichen Zustand. Simone war ihm wohl entglitten.

In Georg krochen Neid und Eifersucht hoch. Täglich viele Male. Längst hatte er sie überreden wollen, zu ihm zu ziehen. Doch nun – sie und Joachim versuchten gar nicht, ihre Verliebtheit zu verbergen. Seine häufigen Versuche, mit seinem Bruder zu sprechen, mündeten ins Leere. Und wäre das alles noch nicht genug, so hatte sich Joachim, der hier so richtig Fuß fassen wollte, bei Georgs Chef beworben. Mit Glück und Geschick, dann mit viel Einfühlungsvermögen bei der Arbeit. Georg fühlte sich wie auf dem Abstellgleis. So konnte es wirklich nicht weitergehen.

Der Keller fiel ihm ein. Das Chaos dort und die Wand, die er längst hatte hochziehen wollen. Dort müsste eigentlich die Krippe lagern, die seine Eltern damals immer zum Christfest aufstellten. Mit Maria, Josef, dem Kind, den drei Königen und, und, und. . . Joachim war Marias Vater.

Wo sollte sie denn noch suchen? Wer wusste etwas von Joachim, wo war er nach seinem plötzlichen Verschwinden? Mit jedem Tag stieg Simones Verzweiflung. Einziger Lichtblick war Georg, der sie mit liebevollen Worten tröstete: „Weißt du, Joachim kommt sicher bald wieder. Er hat schon immer gern das Abenteuer gesucht. Aber wenn er sich jemandem verbunden fühlt, hält sein Verschwinden nicht lange an“. „In Wirklichkeit ist er zu Hause. Da wo er hingehört“. Ein zynisches Lächeln begleitete Georgs Gedanken. Er konnte zufrieden sein, die Dinge hatten sich nun doch noch gut entwickelt im vergangenen Jahr. Kürzlich hatte er die Arbeit im Keller erledigen können. Vorher hatte die Eisenstange ihre Wirkung getan. Die Wand war hochgezogen, dahinter alles Schnee von gestern.

Georg zündete die vier Kerzen am Adventskranz an. Extra für Simone, die ihn heute besuchen wollte, hatte er den gekauft. Für ihn wieder mal totaler Kitsch. „Ich gehe ihr entgegen“, dachte er, nahm seinen Schlüssel, verließ die Wohnung. Die Kerzen brannten vor sich hin. Dann ließ sich eine vom Reiz der Kiefernnadeln anstecken. Es schneite. „Welche Romantik zum Advent“, spöttelte Georg vor sich hin. Das Schneetreiben wurde intensiver. Georgs Blick heftete sich nach oben. Ohne auf die Baumwurzel zu achten, die ihn stürzen und seinen Kopf auf den harten Boden prallen ließ und so seinem weiteren Weg ein Bein stellte.

Text: Gitta Wittschier, Bünde 

Foto: kerkezz / Adobe Stock 

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