Wer ist schon perfekt?

„Fehler zu vermeiden, ist ein Verhalten, dass mir/uns antrainiert wurde und der häufigste Grund, warum Menschen nicht ihren authentischen Schwung und ihr Potential leben“, sagt meine Coaching-Kollegin und vertraute Wegbegleiterin Maria Bianca Bischoff. Wir sind uns einig: Wir wollen das Leben feiern und uns fehlerfroh unseren Aufgaben stellen – lustvoll mit Kopf und Bauch. Wie schön, dass wir uns dazu ermutigen können!

Wortkultur verbindet

Wir kennen uns schon lange. Ich war Chefredakteurin in einem Fachverlag für Wirtschaftsmagazine, berichtete über Maria Bianca Bischoff und war von der engagierten Unternehmerin und Frontfrau des Schweizer Fachverbandes begeistert. Jahre später begegnen wir uns dann ganz persönlich. Maria Bianca möchte ein Buch schreiben. In ihren ersten Texten lese ich das Wort ‚fehlerfroh‘. Begeistert nehme ich es in meinen Wortschatz auf. Woher es stammt, frage ich nicht. Sorry! Ich hole es nun nach, da es eine neue, farbenfrohe Schreib.Visionen-Karte mit dieser Botschaft gibt. Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken. Nein, sie sei nicht die Erfinderin, klärt mich Maria Bianca auf. „Der Begriff ist mir in der Zeit meiner Krankheit irgendwo unter die Augen gekommen, in einem Beitrag über das Buch ‚Lässig scheitern‘ von Ute Lauterbach.“ Genau unser Thema!

Nobody is perfect. Oder: Über Fehler reden

„Fehler zu machen hatte in meiner Familie und meinem Umfeld eine sehr negative Note. Meine Eltern lehrten mich, das Richtige, das Beste, zu tun. Fehler machen … bloß nicht! Das Leben zeigte mir allerdings: Nobody is perfect. Es stellt uns Fragen und es gibt Dinge, die wir schlicht nicht wissen. Fehler passieren! Ich wage die Behauptung, dass Menschen das sind, was gemachte Fehler und Lebensumstände aus ihnen machen.“

Maria Bianca Bischoff
Maria Bianca Bischoff

Es kann schmerzlich sein, auf Fehler hingewiesen zu werden. Das ist uns beiden klar. „Dann fühlen wir uns nicht gut genug, klein, unfähig. Persönlich habe ich aber erlebt, dass Fehler zu erkennen und zu korrigieren eine echte Entwicklungs- und Wachstumschance ist und Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigt. Nach dem ‚Warum‘ zu fragen, ist allerdings Zeitverschwendung. Das ‚Wozu‘, ist die Frage, im Sinne der sinnzentrierten Philosophie von Viktor Frankel“, sagt Maria Bianca, die seit vielen Jahren Logotherapeutin und Existenzanalytikerin in der Schweiz ist. Nach wie vor ist sie im Textilservice eine viel gefragte Expertin, unter anderem als Auditorin für das QS-Management der Europäischen Forschungsvereinigung Innovative Textilpflege e.V. (EFIT) oder den Verband Textilpflege Schweiz (VTS).

Schreiben und die Reise zu sich selbst

Mit Menschen und Teams zu arbeiten, ist für Maria Bianca schon immer das Schönste, was es gibt. Leidenschaftlich und wertschätzend führt sie 30 Jahre lang ihr ChemTex-Team, bis ihre Krebserkrankung neue Entscheidungen fordert. Ob sie genesen wird, ist damals ungewiss. Dennoch verkaufen sie und ihr Mann ihre Betriebe, ihr Haus in Davos und gehen auf eine 15-monatige Reise rund um den Erdball. Ein Tagebuch ist immer dabei. „Die Reise weckte und stärkte meinen Entdeckergeist. Anstelle von Angst und Neugierig traten lustvolle Entscheidungen – mit Kopf und Bauch. Heute sage ich: Was kann schon passieren – ich kann jederzeit korrigieren.“

Das Schreiben wird Teil der Genesung. Maria Biancas Buch erscheint im Jahr 2015 mit dem Titel „Ich werde noch lange blühen – Fehlerfroh ans Werk mit Krebs“. Der Titel ist ein Versprechen, das sie sich selbst gibt. Sie steigt aus ihrem alten Erfolgsprogramm aus. „Schneller Scheitern, was heute in Business Schools als Programm für erfolgreiches Vorwärtskommen in der Unternehmung postuliert wird, ist nicht meine DNA. Ein erprobter Weg ohne Risiko und Spontanität, der Stabilität gibt und vor Unsicherheit und Ängsten bewahrt, das war über viele Jahre auch mein Lebensmotto. Dann hat der Krebs mein Leben grundlegend verändert.“

Weil das Leben die Fragen stellt

Das Studium dieser Lehre Viktor Frankls beginnt sie bereits vor ihrer Erkrankung, ohne zu wissen, wie sehr diese ihre eigene Biografie prägen wird. „Gestalter meines Lebens zu sein – dank geistiger Dimension – ist ein wichtiger Aspekt, der mir durch die Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl geschenkt wurde“, sagt sie. „Der Aufgabencharakter des Lebens mit seinen schöpferischen Werten und den Erlebniswerten machen mir Mut, in den Aufgaben voranzuschreiten, die mir das Leben zuweist und die unvertretbar von mir gelöst werden dürfen.“

Dass ihr nach der schweren Erkrankung im Jahr 2008 ein neues, zweites Leben geschenkt wird, feiere sie jeden Tag und mit jeder Faser. Was die Zukunft bringen mag? Darüber spekuliert sie nicht. „Ich kenne nicht einmal den Inhalt der nächsten fünf Minuten. Mein Lebensbild zeichnet sich aus vielen bunten Mosaiksteinchen, die mir nach und nach vom Leben und von vielen Menschen geschenkt wurden. Ich glaube an das Gute, das Helle und Wertvolle – trotz allem – und sehe es als meine Aufgabe, etwas davon in der Welt vernehmbar zu machen.“

Fehlerfroh lebendig bleiben!

Eine Aufgabe, die übrigens alterslos ist, fällt mir gerade zu der aktuellen Debatte über Ageismus (Altersdiskriminierung) ein. Ein Thema, das wir durchaus ernst nehmen. „Älter werden wir von allein. Fraglich ist nur, ob und wie gut uns das gelingt. Diese Kunst erlerne ich gerade“, sagt Maria Bianca und zitiert Fréderic Amiel: „Zu wissen, wie man älter wird, das ist das Meisterstück der Weisheit und eines der schwierigsten Kapitel in der Lebenskunst.“ Dieses Kapitel könnten wir mit ‚fehlerfroh altern‘ überschreiben, alternativ mit den Worten ‚fehlerfroh lebendig bleiben‘ – eine Kunst, die Maria Bianca aus meiner Sicht längst verinnerlicht hat.

Mehr dazu: Krebs – Gesichter einer Krankheit / Ich werde noch lange blühen und auf Maria Bischoff Coaching.
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