Der Zauberton

Sind wir nicht alle auf der Suchen nach dem magischen Zauberton, der uns beflügelt? Der uns mit unserem eigenen, inneren Klang verbindet und stärkt, unsere wahren Talente zu leben? Unabhängig davon, was hinter uns oder vor uns liegt? Inge Münchers Mulimo trifft ihn auf unnachahmliche Art. „Da ich kein Buch mehr veröffentlichen werde, würde ich mich freuen, wenn Sie die Geschichte auf Ihren Blog stellen. Ich wünsche mir, dass sie gelesen wird. Ich glaube, sie ist mir gelungen“, sagt sie bei meinem Besuch. Es ist mir eine Ehre Frau Müncher! Sie erscheint hier und jetzt in der alten Rechtschreibung, die ihr am Herzen liegt.

Die Geschichte von Mulimo

Mulimo, in seinem Gitterbett liegend, umgeben vom Dunkel der Nacht, murmelt vor sich hin. Von der einen Seite dringen schnaufende Töne an sein Ohr, von der anderen ein knarrendes Geräusch, dann ein Quietschen. Langsam gelangt er an die Grenze zwischen Tag- und Nachttraum. Doch plötzlich ist ihm, als falle er eine steile Treppe hinunter.

Von der Seite ein heftiges Geräusch, dann ein Platschen von nackten Füßen, und eine große Gestalt im langen Gewand, mit spitzer Nase und ersten Augen beugt sich über ihn. Eine Stimme befiehlt ihm, doch mäuschenstill zu sein. Mulimo zieht sein Kissen übers Gesicht, krampft sich in sein Inneres hinein, weint lauthals vor sich hin und rührt sich die ganze Nacht nicht mehr. Endlich ein tiefer Schlaf, die Schauder der Nacht verdeckt, doch aufbewahrt für die nächste Dunkelheit.

Am Abend singt der große Mann auf dem Sofa mit Mulimo das Mondlied und läßt ihn dann allein. Er übt weiter die Mondtöne, mal weich und weit, mal fein, leicht und silbern. Er flüstert Worte, Sätze und spinnt den Faden, der in ihm liegt, langsam weiter.

In der Nacht träumt er, halb wachend, halb schlafend von weichen Tönen, durchwirkt von lichten Farben, sie steigen die Leiter hinauf, höher, immer höher, doch plötzlich purzeln sie die Leiter hinunter. Mulimo schreckt auf. Schon hört er nackte Füße über den Boden schlürfen, und die Gestalt im langen Gewand steht wieder vor ihm, hebt ihn mit seinem Kissen hoch, steigt mit ihm die Treppe hinauf, legt ihn in einem kleinen Zimmer aufs Bett, deckt ihn zu und verschwindet ohne ein Wort. Mulimo zieht das Kissen bis über seinen Mund, weint und starrt in die Dunkelheit. Plötzlich öffnet sich die Tür, und eine schlanke Gestalt legt die Hand auf seine Stirn und erzählt vom Sichelmond, sich wandelnden Wolken und von singenden Sternen, nach denen die Knaben suchen. Sie kommt jeden Abend, er sinnt ihren Worten nach, läßt sich von ihrem Stimmklang betören und sieht in ihre Augen. Nie würde er so sein wie sie, nie diese schimmernden braunen Augen haben, denn die seinen sind blaugrün, nie diese Samthaut mit dem zartrosa Hauch auf den Wangen.

Schon bald muß Mulimo morgens das große Haus mit der Efeuwand verlassen und sich mit vielen Mädchen in einem großen Raum einfinden. Dort gibt es oftmals nur zahlen. Wenn er sie in sein Heft schreibt und miteinander verbindet, kommt er friedlich mit ihnen aus. Doch wenn die Frau mit dem schwarzgrauen Haarknoten, den streng blickenden Augen und dem ab und zu verkrampften Lächeln vor ihm steht und befiehlt, die Zahlenoperationen schneller und immer schneller, ohne Hilfe von Stift und Papier, im Kopf auszuführen, erregt Mulimo sich so sehr, dass er die Zahlen leicht vergißt und entsetzt den nächsten Angriff erwartet, und wehe es rutsch nur einer von den nächtlichen Tönen dazwischen, dann kommt es zur Katastrophe: Die Strenge hat ihn erwischt.

In der Pause hält er sich auf dem weiten Platz ein wenig abseits auf. Die andren Kinder ergötzen sich immer an einem Kreisspiel. Wenn Mulimo käme, würden sie ihn bestimmt in die Mitte stellen und das Lied von dem Holderbusch und dem Heiratskuß singen und dabei ständig auf ihn zeigen. Diese Worte, diese Töne mag er nicht. Manchmal hocken sie alle auf dem Bocken, stecken die Köpfe zusammen, und eine schrille Stimme erzählt etwas. Aber als er einmal zu ihnen gekommen ist un nur einen Satz gehört hat, überfällt ihn ein ekelnder Schreck, und er nähert sich nie mehr.

Da der Mann mit der spitzen Nase auch weiche Töne in sich hat, überwiegen diese eines Abends, und so läßt er zur großen Überraschung das Klavier mit dem wundersamen weichen Klang bringen. Diese Töne haben für Mulimo eine magische Anziehungskraft. Stundenlang sitzt er nachmittags am Klavier, übt, phantasiert mit den Tönen, den Melodien. Zweimal in der Woche verbringt er eine halbe Stunde in dem Patrizierhaus mit dem hohen Zimmer und seiner verzierten Decke, den Barockmöbeln und den Samtvorhängen. Etwas abseits vom Klavier sitzt sie, die Lehrerin, lächelt ihn an und nennt ihn Mausele – so etwas ist er nicht gewohnt – und läßt ihn vorspielen, was er zu Hause geübt hatte. Sie lobt ihn wegen seiner beweglichen Finger und seines rhythmischen exakten, ausdruckvollen Spiels. Er lernt bei ihr nicht so sehr durch Anweisungen, sondern durch ihre Musikalität und Ausdruckskunst. Es ist immer etwas Besonderes, ihrem virtuosen Spiel zuzuhören. Alles ist so ganz anders als in der Atmosphäre der ehemaligen Blockflötenstunde, in diesem dunklen Haus, das noch bedrückender wird durch die Gestalt im dunklen Kleid und wo es in der Hauptsache um genauen Rhythmus und sichere Grifftechnik geht.

Eine Abends lauscht Mulimo dieser herrlichen Tenorstimme: weich, weit, jung und reif zugleich und dann wieder von metallenem Glanz. Aus der Nähe umschwebt sie ihn, hüllt ihn ein. Er stellt sich vor, diese Stimme auf dem Klavier zu begleiten, sie nicht mehr und diese ariosen Klänge zu vergessen. Doch der junge Tenor wird Soldat, muß in den Krieg und kehrt nicht zurück.

Von nun an sucht er auch das Wundersame in seiner eigenen Stimme und findet auf dem Weg dahin eine weise Frau, die vieles vom Geheimnis der Stimme, von Musik, Sprache und Rezitation weiß. Sie führt ihn durch ein Labyrinth der Kunst und läßt ihn doch zugleich die Freiheit, zu schweben, in welche Räume und Weiten er will. Sie läßt ihn forteilen bis an Eurydikes Grab und Opheus Arien und Rezitative singen, von ihr auf dem Klavier begleitet. Eines Tages verabschiedet sich die weise Frau von Mulimo. Sie habe ihm alles gegeben, bis auf den einen Zauberton, den müsse er selber finden.

Mulimo läuft in die Welt hinaus, diesen seltsamen Ton zu suchen. Er fragt auf den großen Plätzen nach, wo er ihn finden könnte. Aber die Menschen eilen hastig an ihm vorüber und sehen ihn nicht einmal an. Er setzt sich in der Eisenbahn neben die Leute, aber die meisten haben nur unbewegliche Gesichter. Es gibt auch einige, die reden laut, aber aneinander vorbei. „Ich muß den Zauberton endlich finden“, murmelt Mulimo, und er betritt ein großes Haus mit vielen Zimmern. Überall werden Gegenstände zurechtgerückt oder mit elektrischen Apparaten bearbeitet. Doch manchmal sind die Menschen das alles leid und werfen sich die Sachen an die Köpfe und stopfen sich danach Unmengen von Kuchen in die Bäuche. Dort würde er den Zauberton nicht finden, und er verläßt das Haus und die Stadt.

Eines Abends gelangt er an einen verborgenen See, es ist die Zeit der Apfelknospen. Er setzt sich nieder, um von aller Mühe auszuruhen. Doch plötzlich blitzt es aus dem See heraus, und nicht weit vom Ufer entfernt steht auf einem Stein, der aus dem See herausragt, der Magier, von dem er schon einmal in einem Zauberbuch gelesen hatte. Jetzt beginnt er zu erzählen, so dass Mulimo erstaunt die Augen aufreißt: vom südlichen Land, vom uralten Mann mit den ahnenden Augen und von dem Weg mit der bezaubernden Blume.

Der Magier erzählt weiter, bis die Bilder in seinem Geist eine wundersame Grenze erreicht haben, und plötzlich verwandelt er sich in einen Adler mit weiten Augen, und seine rauschenden Flügel erheben sich leicht in die Luft, höher, immer höher in die geheimnisvolle Nacht mit dem Sichelschein. Am Wolkenrand findet er einen Zauberton, nimmt ihn auf seine Flügel, bringt ihn unversehrt auf die Erde und legt Mulimo auf das linke Auge. Als der verwunderte Knabe zu singen beginnt, fällt der Zauberton in seine Stimme und leuchtet schwebend aus dem Labyrinth der übrigen Töne, aus wundersamen Melodien über das Rauschen der Flügel.

Zur Autorin: Inge Müncher ist im ostwestfälischen Bünde geboren und aufgewachsen. Bis heute lebt sie in ihrem Elternhaus in ihrer kleinen, idyllischen Heimatstadt zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge. Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik, mit den Schwerpunkten Deutsch und Musik. Ihren Beruf als Lehrerin gab sie auf, um Ihre Kinder zu erziehen und sich ihrer Rolle als Mutter voll und ganz zu widmen. Sie fing an zu schreiben, mit Hingabe und größter Sorgfalt im Umgang mit Sprache. Die Autorin und Lyrikerin schreibt bis heute.

Text: Inge Müncher

Fotos: Olga Gorodetski, Portrait Inge Müncher privat 

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