In jedem Tal gibt es Geschichten, die nicht selten Märchen sind. Selten sind sie jedoch so liebevoll erzählt, wie das ‚Eggetaler Märchen‘ von Angela Hölscher. Ich lernte die Autorin vor einigen Jahren als Zirkusdirektorin kennen und bin von ihrem neuen Projekt ebenfalls begeistert. Schließlich wusste auch ich nicht, dass die Menschen im Eggetal eigentlich ‚Perser‘ sind. Aber auch ihr Märchen erzähle nicht unbedingt die Wahrheit, sagt sie. „Es erzählt von etwas, das vielleicht noch schöner ist: von den Menschen meiner Heimat.“

Märchenland im Wiehengebirge

Es war einmal im Eggetal. Zu einer Zeit, in der das Wünschen noch erlaubt war. Vielleicht warst du schon einmal dort. Das Tal liegt im Nordosten von Nordrhein-Westfalen, eingebettet in die Ausläufer des Wiehengebirges. Es gehört zur Stadt Preußisch Oldendorf im Kreis Minden-Lübbecke und umfasst die Dörfer Börninghausen und Eininghausen. Am anderen Ende des Eggetals liegt Büscherheide oder Bosseheide, wie es im Märchen heißt. Dieser Ort gehört zu Bad Essen im Kreis Osnabrück. Hier lebt Angela Hölscher mit ihrer Familie.

Nach wie vor Zirkusdirektorin

Im Jahr 2018 gründete sie den Dorfzirkus Maluna Kunterbunt, ein inklusives Projekt, das unter anderem im Jahr 2024 mit dem Heimatpreis des Landes NRW ausgezeichnet wurde. Die Inszenierungen für die Auftritte der kunterbunten Truppe aus Menschen mit und ohne kognitive Einschränkungen schreibt sie selbst. Nun ist ihr ein Märchen aus der Feder geflossen. Ganz so leicht war es nicht! Am Anfang lief es schleppend, verrät sie. Irgendwann sei jedoch der Knoten geplatzt und fünf Kapitel wurden fertig.

Menschen zum Lachen bringen

Angela Hölscher ist 61 Jahre alt, seit 40 Jahren verheiratet, ihr Sohn Tom hat das Down- Syndrom. Ob als Personalerin in der Lebensmittelbranche, Assistant Manager bei einem Reiseveranstalter oder als Vertriebsleiterin eines Personaldienstleisters, an allen Stationen ihrer beruflichen Karriere sei es ihr gelungen, ihre Fantasie auszuleben. Dennoch kam irgendwann der Impuls auszusteigen und ihrer Vision zu folgen: Menschen mit Unterstützungsbedarf zu fördern und – ganz wichtig – zum Lachen zu bringen. Heute arbeitet sie als Betreuerin für Menschen im Alter und mit kognitiven Einschränkungen.

Schon immer gern geschrieben

Herzensprojekte, in die sie viel Zeit und Liebe investiert, sind ihre mobile Zirkusschule und der Zirkus Maluna Kunterbunt. Ihr wunderbarer Sohn, wie sie es sagt, ist Co-Trainer und Zauberer. Mutter und Sohn lieben Zirkus.

Zirkusdirektorin Angela Hölscher und Mitwirkende Zirkus Maluna Kunterbunt
Zirkusdirektorin Angela Hölscher und Mitwirkende Zirkus Maluna Kunterbunt

Wie es nun zu dem Märchen kam? “Ich brauchte für eine Show in unserem Dorfkindergarten eine Geschichte. Es sollte ums Mittelalter gehen und so dachte ich mir einen Ablauf mit Rittern aus. Nach dem Auftritt kam mir der Gedanke, eine Geschichte rund ums Eggetal zu schreiben. Schon früher habe ich gerne Aufsätze geschrieben, später Kundenschreiben oder für einen Reisekatalog, auch über Gegenden, in die ich noch nie einen Fuß gesetzt hatte.“

5 Taler für ein Märchen

Inzwischen haben so gut wie alle Eggetaler 5 Taler aus ihrer Geldkatze gezückt, um ihr Märchenprojekt für einen guten Zweck zu unterstützen. 200 Exemplare wurden gedruckt, ein Nachdruck ist geplant. Was nach den Druckkosten übrig bleibt, geht direkt an den Dorfzirkus.
Das Cover und der Titel haben eine historische Anmutung, einen Faktencheck hat bisher niemand gemacht. Im Gegenteil. „Die Eggetaler lachen sich schlapp und freuen sich darüber, wenn sie sich oder andere Persönlichkeiten aus dem Dorf wiedererkennen“, sagt dazu die Autorin.

Legenden aus Persien

Belegt sei, dass es die Perser im Eggetal gibt, die sich seit Generationen mit einem Augenzwinkern so nennen. Nur den Schah habe sie erfunden. Wie es dazu kam? Dazu gebe es viele Legenden. Eine davon erzählt, dass Händler aus dem Eggetal unterwegs waren. Als sie ein Nachtlager suchten, wurden sie vom Wirt gefragt, woher sie kämen. Sie antworteten: „Aus Persien.“ Genau wisse das niemand. „Wenn ich jedoch Ortskundigen erzähle, dass ich aus dem Eggetal komme, sagen die sofort. „Ach, aus Persien.“
„Mein Wunsch war es, diese und andere Geschichten festzuhalten und dem Eggetal und seinen Menschen ein kleines Denkmal zu setzen“, sagt Angela. „Das sind Menschen, die so lachen können, dass der ganze Saal mit lacht. Menschen, die anderen guttun. Und Menschen, über deren Marotten man liebevoll schmunzeln kann.“ Anderen habe sie einfach etwas ‚angedichtet‘ und Weitere schlichtweg erfunden.

Raus aus der Schublade

Nachdem sie ihr Märchen zunächst bei zwei örtlichen Veranstaltungen vorgelesen hatte, verschwand es wieder in der Schublade. In ihr wuchs jedoch der Wunsch, es in einer schön gedruckten Version ihrer Region zu widmen. Auch als Dankeschön für die Unterstützung, die sie von den Menschen ihrer Heimat immer wieder erfahren hatte.
„Als Tom geboren wurde, hatte meine Schwiegermutter noch ihren Dorfladen und viele Menschen haben liebevoll Anteil genommen. Später konnten wir im Sportverein ohne viel Gesummse unseren inklusiven Dorfzirkus gründen. Vom ersten Tag an bekamen wir viel Zuspruch und Hilfe. Wenn hier etwas von unseren regen Vereinen gebaut wird, dann denken alle automatisch barrierefrei.“

Worum es im Märchen geht

In der Tat auch ein paar interessante Fakten, die zu einer Reise ins Eggetal einladen könnten. Es gibt den Limbergturm und die kläglichen Reste des Hexenteichs seien als Senke noch zu sehen, so die Autorin. Bestätigt sei nicht, dass dort eine Hexe gewohnt habe. Der Zauberer ‚Thomas von Bosseheide‘ alias TomZauberTiger lebt allerdings auch heute noch im Eggetal. Das könne sie bestätigen – höchstpersönlich. Denn der wohne mit ihr und ihrem Mann unter einem Dach.
Ein Geheimnis bleibt allerdings, ob es die Prinzessin Annabella, den unehelichen Köhlersohn Wolfhart und ihre Lovestory wirklich gab. Wie sie ausgeht? Wird hier nicht verraten. Was wir verraten können: Es geht in jedem Kapitel um den Kampf zwischen Gut und Böse oder den Zusammenhalt in schwierigen Zeiten. Und so muss auch Wolfhart Hindernisse und Begegnungen mit echten und sagenhaften Gestalten überwinden, auf dem Weg von der Gehle, wo er wohnt, zu seiner Prinzessin auf der Masch.

Wenn sie nicht gestorben sind

„Ich finde, jedes Märchen braucht ein ‚und wenn sie nicht gestorben sind‘. Es soll keine Weisheit mit auf den Weg geben, aber durchaus Wege aufzeigen, wie etwas gehen kann. Mit Mut! Denn Glück habe ich nur, wenn ich etwas dafür tue.“ Das ist ihre Botschaft.
Außerdem sei es ihr wichtig, regionale Geschichte zu bewahren. „Bei einer Lesung des Märchens im Limbergturm konnte ich den Zuhörenden einen Blick in den tiefen Kerker ermöglichen, in dem Annabella im Märchen schmachtet.“ Ob erfunden oder nicht, so werde die Geschichte der Burg, von der nur noch ein Turm geblieben ist, begreifbar.

Viel recherchieren musste sie nicht. „Ich bin in Hüllhorst geboren, kenne jedoch viele Geschichten, da meine Schwiegermutter den Dorfladen hatte“, sagt sie über den Schreibprozess. In viele Legenden konnte sie sich buchstäblich einfühlen. So standen ihr beim Besuch am Hexenteich schon immer die Haare zu Berge.

Angela Hölscher mit ihrem Buch 'Eggetaler Märchen'

100 Prozent Angela Hölscher – Wort für Wort

Bei der Gestaltung des Buchs habe ihr die KI geholfen. Aber das Märchen stamme zu 100 Prozent aus ihrer Feder. „Ich wurde schon mal gefragt, ob das eine KI geschrieben habe. Das hat mich verletzt.“
Denn das Schreiben sei für sie ebenso eine Kunst wie das Erzählen. Und so wird es auch in Zukunft Lesungen im Limbergturm geben. Für eine Kollegin ihres Sohnes Tom hat sie eine provisorische Hörfassung aufgenommen. Schön wäre es nun, wenn es das Märchen auch in einfacher Sprache gebe. Das sei ihr nächstes Ziel. Ich bin zuversichtlich, dass sie es erreichen wird.

Fotos und Kontakt: Angela Hölscher

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