Die Giraffe, die ein ‚a‘ sein wollte

Ich habe schon viele Giraffen in meinem Leben gesehen, aber noch nie hat eine geweint. Können sie das überhaupt? Vielleicht hätten manche ja allen Grund dazu, weil sie im Zoo sind oder an sonst einem unangenehmen Ort. Aber weint man, weil man lieber ein ‚a‘ sein möchte? Man vielleicht nicht, aber die Giraffe eben schon!

Was ist denn ein ‚a‘? Und dann noch ein kleines. Wäre es nicht besser, ein großes ‚A‘ sein zu wollen? Das ‚A‘ steht für Anfang, Aufregung, Aufmerksamkeit, Alter, Ananas und Achtung. Aber das kleine ‚a‘? Für aufmerksam sein, anfangen, altern. Das sind alles Tätigkeiten. Das ist ganz schön anstrengend mit dem kleinen ‚a‘.

Warum will die Giraffe nicht lieber ein ‚b‘ oder ‚j‘ sein? Warum will sie überhaupt etwas anderes sein? Ist sie nicht zufrieden? Ich glaube, sie wäre lieber ein kleines ‚a‘, weil das kleine ‚a‘ einen kurzen Hals hat. Und die Giraffe  eben nicht. Wollen wir nicht alle lieber etwas anderes sein als wir sind?

Die Ziege wollte auch einen langen Schwanz haben – hat meine Oma immer gesagt. Aber den hat sie auch nicht bekommen und musste mit ihrem Ziegenschwanz zufrieden sein. Es geht also ums Zufriedensein. Wäre die Giraffe denn wirklich zufrieden, wenn sie ein kleines ‚a‘ wäre? Ich glaube nicht! Aber wie kann sie denn zufrieden werden? Wie kann sie ihren schönen langen Hals annehmen? Ihre schlanken Beine? Den aufrechten Körper mit den lustigen Flecken? Ja, wie kann sie zufrieden sein? Wie?

Textimprovisation von Käthe O.; Bild: Stefanie Wein, Bünde 

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