Das lyrische Selbst

Ich kenne Inge Müncher aus der Schreibwerkstatt in Bünde. Heute macht sie mir gleich zwei besondere Geschenke: Ihre Geschichte über Mulimo und ein sehr persönliches Gespräch über das Schreiben als ‚Kunst des empfindsamen Erzählens‘. So erfahre ich, dass sie als junge Frau zu schreiben beginnt, um schmerzliche Erfahrungen auszudrücken und zu bewältigen. So habe sie es immer wieder geschafft, sich von Verspannungen, Zweifeln und Ängsten zu lösen.

„Es hat meine geistig-seelischen Kräfte erweitert“, sagt die zerbrechliche, alte Dame mit wachem Geist. Und ich bin überrascht, wie ähnlich unsere Vorstellungen vom Scheiben als Suche nach dem Selbstausdruck sind.

Die Kunst empfindsamen Erzählens

Ich besuche die Autorin in ihrem Haus in Bünde, einem geräumigen Stadthaus, das ihre Eltern gebaut haben. Hier ist sie geboren. Bis heute ist es der Ort, an dem sie am liebsten ist und der in ihren Erzählungen immer wieder eine Rolle spielt. Was es bedeutet, die Heimat zu verlieren, hat Inge Müncher schon früh in ihrem Leben erfahren. Und schon als Kind ist es ihre sensible Wahrnehmung für die Empfindungen anderer Menschen, die ihr Erleben in der NS-Zeit und nach dem Krieg prägt.

Inge Müncher
Inge Müncher

Schreiben gegen Menschenverachtung

Schreiben ist für sie die ‚Suche nach dem Ausdruck der erinnerten Zeit‘. So wird sie zur Bewahrerin, die an eine Zeit erinnert, die sie sich nie und nimmer zurückwünscht. Menschenverachtung dürfe es einfach nicht geben. Inge Müncher spricht leise. So schreibt sie auch. Es gelingt ihr, Ungeheuerliches in leise, behutsame Töne zu verwandeln. Sie fügt Erlebtes und Empfundenes wie fein gesponnene Wortfäden in ihre Texte ein, ohne erhobenen Zeigefinger.

Sie schreibt aus dem Wunsch heraus, dass die Gefühle, die sie hineingibt, bei ihren Leserinnen und Lesern ankommen. Sie mutet und traut uns zu, mitzufühlen und zu verstehen. Sie schreibt über ihre Empfindungen, um unser Empfinden zu erreichen.

Eine musische Befreiung

Manipulation mag sie nicht. Wohin das führe, habe sie am eigenen Leib erfahren. „Die Propaganda im dritten Reich war mir zuwider. Es gab kein Entrinnen vor menschenverachtenden Bildern und Parolen.“, sagt sie. Die Worte kommen nur schwer über ihre Lippen. Die Gefühle wie Ohnmacht und Hilflosigkeit spüre sie heute noch.

Reden durfte sie nicht, weder als Schülerin noch als junge Frau. Niemand sprach über das Offensichtliche. So entdeckt Inge Müncher als Mutter von zwei kleinen Kindern das Schreiben als musischen Weg zur Befreiung aus inneren Krisen. Auch ihre Geschichte über Mulimo erzählt davon:

„Wie in der Musik konnte ich hier meinen Selbstausdruck finden, nur eben leise. So störte ich niemanden und je mehr ich schrieb, umso mehr liebte ich es. Ich schreibe bis heute täglich.“

Leicht sei es ihr nie gefallen, das Erlebte in eine Form zu bringen, die sie selbst zufriedenstellt. Ihre Worte, ob Prosa oder Lyrik, sind stets mit größter Sorgfalt gewählt. Jeden Text schleift sie lange, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Von der ersten Idee bis zum druckfertigen Text ist es ein Weg größter Aufmerksamkeit. Erst wenn Melodie und Rhythmus perfekt miteinander harmonieren, hält sie einen Text für gelungen. Daher sei ihr die Rezitation so wichtig. Das Vorlesen des Textes sei ein adäquates Mittel, um ihn auf seinen Klang zu prüfen: „Wenn ein Text nicht schön klingt, drücke ich mich anders aus. Solange bis er mir melodisch und rhythmisch gefällt.“

Der Weg zur Autorin

Schon als Schülerin kann sich Inge Müncher für die Feinheiten und die Wirkung von Sprache begeistern, ob auf der Theaterbühne oder als Poesie. Im Studium der Pädagogik, mit den Schwerpunkten Deutsch und Musik, und später der Literaturwissenschaft vertieft sie ihr Interesse. Sie wird Deutschlehrerin, verlässt jedoch den Schuldienst, um sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Schreiben kann sie zuhause. So wird sie Autorin und übersetzt unter anderem drei Gedichtzyklen von Rainer Maria Rilke aus dem Französischen ins Deutsche. Neben ihrem Buch ‚Zeitspurensuche‘ und ihrem Gedichtband ‚Das Geheimnis der Seerosen‘ wird eine zweisprachige Ausgabe der Lyrik von Rainer Maria Rilke im Dirk Riemann Verlag veröffentlicht.

Das Wesen der Rose

Die Lyrik der Künstlerinnen und Künstlern, die sie bewundert, seien ebenfalls heilsam für ihr Empfinden, sagt Inge Müncher. Sie liebt Rilke, insbesondere seinen Zyklus ‚Les Roses‘ in französischer Sprache: „Da hier die Rose lyrisch als Symbol der Kunst, der poetischen Intuition, als halb geöffnetes Buch, vollendetes Wort und symbolisch als das Lyrische Ich selbst gestaltet ist“, schreibt sie in dem Vorwort des leider vergriffenen Buchs.

„Die Rose wird zur Mystikerin, wenn sie ihre Schwestern berührt, Zartes mit Zartem sich vereint, wo sich einer Aura der Liebe das Leiden nähert.“

Dieser Satz klingt lange in mir nach. Er entspricht meinem Empfinden für die Wirksamkeit der Rose als ätherisches Öl und meiner Wahrnehmung von der Künstlerin. Die Rose blüht allein um ihretwillen. Sie will niemanden beeindrucken und tut es doch. Sie sei niemals mutig gewesen, sagt Inge Müncher über selbst. Sie habe nichts anderes versucht, als ihre Gefühle aus dem Verborgenen ins Licht zu holen, um Ungeheuerliches zu verarbeiten und inneren Frieden zu finden. Nicht zuletzt, um als Ehefrau und Mutter für ihre Familie stabil zu bleiben.

Frieden finden im Ungeheuerlichen

Inge Müncher erinnert an ihre Schulzeit und an ihr Unbehagen, wenn die Lehrerin vor Beginn des Unterrichts vor der Klasse laut für den ‚geliebten Führer‘ betete und ihre Abneigung für ihr Schulfreundin offen zeigte. „Sie fasste Ruths Heft nur mit spitzen Fingern an, hielt es weit von sich, als ob sie die Berührung verabscheute.“ Nein, Inge Müncher versteht es nicht, warum es solch eine Verachtung für jüdische Menschen gab. Sie wird still. Nur langsam setzt sie ihre Erzählung fort. Immer noch sei sie tief berührt, im Grund immer noch erschüttert.

Ihre Erinnerungen und Empfindungen für Ruth begleiten sie ihr Leben lang. „Alles, was mit Ruth war, bewegt mich heute noch“, sagt sie und erinnert an ein kleines, zierliches Mädchen mit glattem kurzgeschnittenen Haar und offenem aufmerksamen Blick, die Hände stets gefaltet. „So saß sie auf ihrem Platz in der Schulklasse.“ Sie und ihre Mitschüler und Mitschülerinnen waren machtlos gegen die entsetzliche Ablehnung der Lehrerin, die eines Tages den Satz sagt, den Inge Müncher nie vergessen wird: „Pack Deine Sachen, geh nach Hause, Ruth!“

Wiedersehen mit Ruth

Ruth packt ihre Sachen und geht. Erst 65 Jahren später sehen sich die Freundinnen in Bünde wieder. „Ruth lebt, sie konnte rechtzeitig mit ihrer Familie nach Amerika flüchten“, erfährt Inge Müncher durch die Gruppe ‚Netzwerk‘ des Bünder Marktgymnasiums. Was für eine beglückende Nachricht! Die alten Schulfreundinnen treffen sich. Gemeinsam lesen sie vier Strophen des Gedichtes ‚Bei Goldhähnchens‘ von Heinrich Seidel, das sie noch aus der Schulzeit kennen. Inge Müncher lächelt.

Wie es damals war, lässt die Poesie erahnen, die Inge Müncher später für ihre Freundin schreibt. Sie liest sie mir vor. Danach verabschieden wir uns still und mir kommen diese Rilke Zeilen in den Sinn: „Vielleicht ist das alle Gemeinsamkeit: an Begegnungen zu wachsen.“

Für Ruth: Du gehst 

Klein und hilflos
sitzt du da
auf deinem Platz
mit dem Tintenfass,
deine Lippen
bewegen sich kaum.
Schatten fallen
auf dein Gesicht
über dir
der gelbe Stern.
Pack deine Sachen,
geh nach Hause, Ruth,
sagt sie zu dir.
Du gehst
und fragst nicht
warum,
und wir sehen dich
niemals mehr.

Lies gern mehr über Inge Münchers Zeitspurensuche und ihre Geschichte Mulimo. 

Quelle: Gedicht ‚Du gehtst‘ aus der Buchausgabe ‚Das Geheimnis der Seerosen‘ im Dirk Riemann Verlag 2011
Cover der Bücher von Inge Müncher mit freundlicher Genehmigung von Dirk Riemann
Umschlaggestaltung: Dirk Riemann Verlag, ‚Das Geheimnis der Seerosen‘, Ausschnitt aus dem Bild Seerosen von Claude Monet; ‚Zeitspurensuche‘, Bild ‚Winter in Gewinghausen‘ von Werner R. Neck, ‚Gedichtband Rilke‘, Umschlagfoto Brigitte Hachenburg 

Headfoto: Andreas Gruhl/Adobe Stock

2 Antworten auf „Das lyrische Selbst“

  1. Inge Müncher hat mit ihrer fein gesponnenen, fantasievollen Lyrik zahllose Herzen erreicht und ihre Leser immer wieder tief berührt. In der Bünder Schreibwerkstatt war sie als Mitglied lange nicht wegzudenken, bevor sie – wohl wegen des mittlerweile erreichten hohen Alters – nicht mehr oft teilnehmen konnte. Hoffentlich bleibt uns Inge Müncher noch lange erhalten. Gitta Wittschier

  2. Ja, liebe Gitta, das wünsche ich auch. In der Schreibwerkstatt habe ich Inge Müncher kennengelernt. Und war sofort von Ihren Geschichten und Gedichten begeistert. Und Deine gefallen mir ebenfalls gut! Ich freue mich schon darauf, dass ich die Lovestory von ‚Romea und Julio‘ demnächst auf meinen Blog stellen darf. Herzlichst, Gaby

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